Japan

Japan - Das Geheimnis der Hundertjährigen

Digital Redaktion
basierend auf einem Text von Rory Goulding
vom 27.10.2025
© dreamsky, Shutterstock

Im äußersten Süden Japans, von Sonne durchflutet, liegt ein Archipel, dessen Bewohner weltweit für ihre Langlebigkeit bewundert werden: die Inseln von Okinawa. Auf diesen kleinen, vom Pazifik umspülten Eilanden werden Menschen nicht nur alt, sondern alt auf erstaunlich heitere Weise. Wer ihnen begegnet, spürt sofort, dass ihr Geheimnis mehr ist als eine gesunde Ernährung – es ist eine Lebenshaltung, verwoben mit Natur, Sonne und Gemeinschaft. Lonely Planet versucht die Geheimnisse zu lüften.

Im Rhythmus der Sonne

© beeboys, Shutterstock
Alt sein wird auf den Inseln Okinawas anders definiert.

Früher, erzählt Frau Toyo Kajigu, stand sie jeden Morgen um fünf Uhr auf. Heute – mit 104 Jahren – darf sie ausschlafen. Nur an zwei Tagen pro Woche klingelt der Wecker: Dann fährt der kleine Bus über die Insel Taketomi, um die Mitglieder des Seniorenclubs einzusammeln. In ihrem Haus auf Tatamimatten sitzend, schenkt sie Gästen Tee ein, reicht kleine Süßkartoffel‑Küchlein und lacht, wenn man sie nach dem Erfolgsrezept für ihr hohes Alter fragt. „In Okinawa feiern wir den 97. Geburtstag groß“, sagt sie, „aber den hundertsten lieber still mit der Familie.“

Taketomi ist nur eine von vielen kleinen Inseln im Süden Japans. Okinawas Hauptinsel liegt rund 1600 Kilometer südlich von Tokio, die Yaeyama‑Gruppe mit Taketomi noch einmal 400 Kilometer weiter. Dort, zwischen Korallenriffen und Zuckerrohrfeldern, scheint der Alltag leichter zu sein. Die Luft ist warm, die Sonne sanft, das Leben gelassen. Wenn Frau Kajigu über ihr langes Leben spricht, klingt es, als sei es das Natürlichste der Welt, alt und zufrieden zu sein. „Ich esse, was mir schmeckt. Ich singe Karaoke, auch wenn die Stimme nicht mehr perfekt ist“, sagt sie – und lacht.

Inseln im Licht

© Sean Pavone, Shutterstock
Wilder Dschungel im Abendrot.

Die Yaeyama‑Inselgruppe liegt nur einen Breitengrad nördlich des Wendekreises – ein Ort, den die Sonne liebt. Auf Ishigaki, dem Haupt‑Eiland der Region, wachsen in der Ebene Zuckerrohr, Papayas und Mangobäume, während sich im Hinterland dichter Dschungel die Hügel hinaufzieht. Das Klima ist mild und nahezu immer freundlich. Die rund 45 000 Menschen, die hier leben, führen ein Leben, das vom Rhythmus der Natur bestimmt ist: Fischen im Morgengrauen, gemeinsames Essen im Schatten der Tamarindenbäume, Tanzfeste, wenn der Tag ausklingt.

Eine Fahrt rund um Ishigaki dauert kaum vier Stunden. Entlang der Straßen leuchten Getränkeautomaten in allen Farben – Japan lässt selbst das Tropenleben nicht unorganisiert. Unterwegs begegnet man Fischern mit Reishüten, Holzschnitzern und Kindern beim Wassermelonen‑Spiel Suikawari. Besonders schön ist der Abend am Leuchtturm von Uganzaki, wo die Sonne ins Meer taucht und der Wind den Duft von Salz und Zuckerrohr trägt. Ein paar Kilometer weiter liegt der Sukuji‑Beach, eine geschwungene Bucht mit hellem Sand und türkisblauem Wasser. Die feinen Korallenstücke, die an den Strand gespült werden, knirschen unter den Füßen, als laufe man auf Glas. Viele Inselbewohner basteln daraus Windspiele oder bemalen sie als Glücksbringer.

Die Kabira Bay an der Nordküste ist das leuchtende Herz der Insel. Hier werden schwarze Perlen gezüchtet, das Wasser schimmert in smaragdgrünen Tönen. Aus Umweltschutzgründen ist das Schwimmen verboten, doch Besucher können die Unterwasserwelt durch Glasbodenboote beobachten. Unter ihnen ziehen Clownfische zwischen Korallen und Mantas vorbei, die fast schwerelos ihre Kreise ziehen. Es ist ein Schauspiel voll Ruhe und Schönheit, das erklärt, warum niemand auf dieser Insel in Eile ist.

Das Rezept für ein langes Leben

© machikophoto, Shutterstock
Entspannung an der frischen Luft.

Wer mit den ältesten Bewohnern spricht, merkt schnell, dass Essen und Gesundheit hier Hand in Hand gehen. Die traditionelle Okinawa‑Küche – mager, pflanzenreich und nährstoffvoll – besteht aus Süßkartoffeln, Meeresgemüse, Sojaprodukten, Fisch, frischem Obst und wenig Fleisch. Dazu kommt der lokale Reisschnaps Awamori, der nicht in großen Mengen, sondern als Zeichen der Geselligkeit getrunken wird. Mahlzeiten sind ein Ritual, ein Moment des Austauschs und des Dankes für das, was die Insel gibt.

Wichtiger als die Zutaten bleibt aber die Haltung: Gemeinschaft, Maß und Freude. In Okinawa endet der Tag selten allein. Man trifft sich zum Tanz, zum Gespräch oder einfach, um den Abendwind zu spüren. Dieses Prinzip des Miteinanders heißt „Yuimaru“ – frei übersetzt: „Das Leben gelingt, wenn man es teilt.“ Alte Menschen werden hier nicht übersehen, sie sind ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft, geachtet und umsorgt, und sie selbst bleiben aktiv und neugierig.

Vielleicht ist genau das das Geheimnis der Hundertjährigen: nicht reicher, fitter oder perfekter zu sein, sondern im Einklang mit dem eigenen Tempo und der Gemeinschaft zu leben. Unter der Sonne der südlichsten Inseln Japans geht es weniger um das Alter als um die Art zu leben – leicht, gelassen und voller Dankbarkeit für jeden neuen Tag.

Reise-Inspiration

Entdecke unsere Top-Reiseführer – perfekt abgestimmt auf dein Traumziel

Weitere interessante Reportagen

Erscheint demnächst